Entstehung Gefühle, vom Reiz zur Reaktion

So entstehen Gefühle – vom Reiz zur Reaktion

Gefühle sind der Reichtum unseres Lebens. Sie sind die Antwort auf uns selbst, auf den anderen und auf die Welt. Wenn wir diese Antwort für uns nutzen wollen, müssen wir erst verstehen, wie Gefühle entstehen und welche Folgen sie haben.

Wenn wir wissen, wie Gefühle entstehen, können wir verstehen, warum wir in einer Situation traurig und in einer anderen fröhlich sind. Wenn wir das verstehen, finden wir wieder einen Zugang zu uns, zu unserem Unterbewusstsein und wissen, was wirklich in uns vorgeht.

Häufig unterdrücken wir unsere Gefühle, weil wir deren Reaktion vermeiden wollen. Wir gehen davon aus, dass ein Reiz automatisch ein Gefühl und das Gefühl automatisch eine Reaktion auslöst, dessen wir hilflos ausgesetzt sind. Dieser Prozess kann mit Bewusstsein allerdings sinnvoll gestoppt werden, so dass das Gefühl gefühlt werden kann, aber die Reaktion ausbleibt.

In diesem Artikel erfährst du, wie genau ein Gefühl entsteht, wovon es abhängig ist, wann du die Reaktion stoppen kannst und was der Unterschied zwischen dem Gefühl und dem Verhalten ist. Das hilft dir dabei, bewusster zu fühlen, Rückschlüsse zu ziehen und Veränderungen einleiten zu können.

Willst du wissen, was Gefühle sind, warum es so wichtig ist, zu fühlen, welche Funktionen sie haben und welche 5 Gründe es haben kann, warum wir sie unterdrücken und welche Folgen daraus entstehen, dann kannst du dies hier in meinem Artikel lesen „Warum du deine Gefühle fühlen und nicht unterdrücken solltest!“

Worauf sind Gefühle die Antwort?

Nochmal zur Wiederholung: Gefühle sind eine komplexe und ganzheitliche Antwort auf die Welt, den anderen und mich selbst.

Doch worauf sind sie die Antwort?

Gefühle sind die Antwort auf unsere Gedanken, die wir über die Welt, den anderen und uns selbst haben.

Wenn wir denken, der andere sei ein Arsch und er hätte uns belogen, dann empfinden wir vielleicht Wut.

Wenn wir mit unserer momentanen Situation unzufrieden sind und denken, wir können daran nichts ändern, fühlen wir uns vielleicht hilflos, deprimiert und aggressiv.

Welche Gedanken wir über uns, die anderen und die Welt haben, hängt von ganz vielen Einflussfaktoren ab:

  • Wahrnehmung der Situation
  • Interpretation der Situation
  • Glaubenssätze
  • Eigene Werte
  • Ziele
  • Tagesform

Am Anfang des Gefühls steht ein Gedanke

Damit ein Gefühl entsteht, benötigt es also einen Gedanken. Dieser Gedanke kann von außen oder von innen ausgelöst werden.

Von außen wäre der Auslöser zum Beispiel, dass uns jemand komisch anschaut oder dass jemand etwas sagt. Daraufhin müssen wir die Situation erst wahrnehmen und interpretieren. Von innen ist der Gedanke selbst der Auslöser. Wir erinnern uns plötzlich an den letzten Urlaub oder uns fällt ein, dass wir unbedingt noch etwas erledigen müssen.

Betrachten wir das Beispiel, dass uns einer komisch anschaut. Der Auslöser kommt von außen: wir sehen jemanden, der uns anschaut. Wir nehmen die Situation so wahr, dass er uns gesehen hat, uns einen Blick zuwirft und wir genau in diesem Moment auch zu ihm rüber schauen. Die Interpretation ist bereits, dass wir denken, er schaut uns komisch an und, dass ihm irgendetwas nicht an uns passt. Vielleicht suchen wir Gründe, warum das so sein könnte.

„Er findet mich hässlich.“
„Er mag mich nicht.“

Wenn unsere Glaubenssätze über uns nun überwiegend negativ sind, wie z.B. „ich bin nicht liebenswert“, „keiner mag mich“, „ich bin dumm“, „ich bin hässlich“, dann werden Gedanken entstehen wie „Er schaut mich so an, weil er mich hässlich findet. Das stimmt ja auch, ich bin zu dick, meine Nase passt nicht. Ich werde nie einen Freund finden. Bestimmt redet er gleich mit seinen Freunden über mich und alle machen sich über mich lustig. Dann bin ich wieder das Gespött der Nation. Ich fühle mich so schlecht, so alleine.“

Erinnerungen stärken die Interpretation

Die Interpretation der Situation wird mit Erinnerungen verbunden, die bewusst oder unbewusst sind. Dies könnten Gedanken, Bilder, Stimmen, Körperhaltungen oder Körperempfindungen sein.

In unserem Beispiel könnte die Erinnerung z.B. sein, dass es früher eine ähnliche Situation gab, wo Menschen sich über unser Aussehen lustig gemacht haben. Diese Erinnerung lässt uns einen ähnlichen Ausgang erwarten und erzeugt das Gefühl von früher.

Bleiben diese Erinnerungen unbewusst, ist die Verbindung zur Interpretation sehr stark. Sind wir uns den Erinnerungen jedoch bewusst und wissen, dass die jetzige Situation nicht gleich der früheren sein muss, können wir die Situation anders interpretieren und deuten.

Dadurch würde sich die Situation entschärfen, weil die Interpretation nur bei dem komischen Blick bleibt und wir nicht davon ausgehen, dass sich später alle über uns lustig machen. Das Gefühl wäre nun wahrscheinlich nicht so stark, die Erinnerung wird nicht damit verknüpft.

Lassen wir das Gefühl zu oder wehren wir es ab?

Haben wir aus irgendeinem Grund Angst, das Gefühl zuzulassen, entwickeln wir eine Abwehrreaktion gegen das Gefühl und nehmen es nicht wahr.

In diesem Beispiel führen die Gedanken dazu, dass eine Traurigkeit entstehen würde. Schnell werden wir uns aber dafür entscheiden, das Gefühl abzuwehren, weil wir jetzt nicht vor anderen weinen wollen. Dann würden die anderen uns noch mehr auslachen und es würde noch mehr schmerzen.

Also entscheiden wir uns dafür, das Gefühl schnell beiseite zu schieben, indem wir an etwas Anderes denken, indem wir anfangen etwas zu schreiben, uns mit anderen Personen unterhalten oder sonst etwas. Wir lenken uns ab.

Durch andere Gedanken wird das Gefühl verdrängt. Es ist zwar schon entstanden, allerdings nur sehr schwach, sodass es nicht wahrgenommen wird.

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Impulse und Reaktionen als Folge des Gefühls

Wehren wir das Gefühl nicht ab, sondern lassen es zu, löst das Gefühl bestimmte gedankliche und handlungsbezogene Impulse aus. Diese hängen wiederum von deinen eigenen Werten, deinen Glaubenssätzen und von deinen Verhaltenstendenzen ab.

Unser Gefühl von Traurigkeit wird nicht abgewehrt, sondern wahrgenommen. Nun löst es weitere Gedanken aus, die dieses Gefühl bestärken. Der Impuls los zu weinen, die Flucht zu ergreifen oder uns zu verstecken kommt hoch.

Gleichzeitig verändert das Gefühl unseren Körper, Energie wird mobilisiert. Es steigen Tränen auf, wir fühlen einen Kloß im Hals, die Atmung wird flacher und unkontrollierter.

Diese Impulse lösen schließlich die Reaktion, die Handlung aus. Die natürliche Reaktion wäre es nun einfach zu weinen, die Tränen laufen zu lassen, mit dem Gefühl zu atmen, es da sein zu lassen. Es einfach zu fühlen!

Das Problem liegt nun darin, wenn das Gefühl bereits Impulse ausgelöst hat, wir das Gefühl aber nicht ausdrücken möchten und somit die Reaktion verhindern.

Weil wir ja immer noch in Gesellschaft sind, möchten wir nicht weinen, unser Körper hat sich aber schon darauf vorbereitet. Es ist eine enorme Energiemenge in unserem Körper gebunden.

Unser ganzer Körper hat sich darauf vorbereitet, das Gefühl nun rauszulassen. Wenn wir das Gefühl unterdrücken, wird unser Körper starr. Wir müssen viel Energie aufwenden, um das Gefühl unten zu lassen und wir müssen viel Energie aufwenden, um gedanklich wieder aus dem Karussell auszusteigen.

Der Unterschied zur vorherigen Abwehrreaktion besteht darin, dass das Gefühl hier bereits wahrgenommen wurde und unterdrückt wird. Bei der Abwehrreaktion wurde das Gefühl noch nicht wahrgenommen, weshalb keine Impulse ausgelöst wurden.

Den Prozess an der richtigen Stelle stoppen

Wir müssen unseren Gefühlen nicht hilflos ausgesetzt sein. Wir müssen nicht hilflos reagieren, um uns schlagen oder die Kontrolle verlieren. Aber wir müssen unsere Gefühle auch nicht unterdrücken. Wir können unsere Gefühle fühlen, ohne dass eine automatische Reaktionskette abläuft, von Gefühl über Impuls zur Reaktion.

Wenn wir vor dem Impuls den Prozess anhalten, können wir das Gefühl fühlen, ohne dass unser Körper angespannt wird, weil wir versuchen die Reaktion zu unterbinden. Wenn es zu keinem Impuls kommt, kommt es auch zu keiner Reaktion. Wir fühlen das Gefühl, lassen die Energie gehen und sind wieder frei.

Unser Gefühl wird umso länger lebendig gehalten und sogar noch verstärkt, umso länger wir uns eine passende Geschichte im Kopf erzählen. Wenn ein böser Gedanke dem nächsten folgt und die Abwärtsspirale weiter seinen Lauf nimmt.

Steige bewusst aus deinem Gedankenkarussell aus, unterdrücke das Gefühl aber nicht, sondern fühle es, aber halte es nicht länger als nötig am Leben!

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Das Verhalten kann unabhängig vom Gefühl sein

Wir glauben häufig, dass ein Gefühl automatisch ein Verhalten auslöst. Wenn wir wütend sind, müssen wir unserer Wut Luft machen und sie raus lassen. Wenn wir uns unverstanden fühlen, müssen wir umso lauter schreien.

Wir glauben das, weil wir als Kind nicht unterscheiden konnten zwischen dem Gefühl und dem Verhalten. Wir sahen, wie Gefühle die Reaktionen auslösten und schlossen daraus, dass das Gefühl automatisch das Verhalten auslöst.

Wir möchten aber nicht zerstörerisch und ungehalten sein oder die Kontrolle verlieren. Deshalb müssen wir unsere Gefühle unterdrücken, wenn wir sie als den Auslöser für dieses Verhalten sehen.

Das Gefühl kann allerdings gefühlt werden, ohne dass ein Verhalten notwendig ist, weil es nicht abhängig vom Gefühl ist.

Das Gefühl entsteht nicht allein durch die äußere Situation

Ob eine bestimmte Situation in mir Freude oder Traurigkeit auslöst, hängt nicht von der Situation als solche ab, sondern davon, wie ich diese Situation wahrnehme und interpretiere.

Wenn jemand zu mir sagt „du hast aber ein schönes Kleid an“, wäre eine Möglichkeit, mich gut und hübsch zu fühlen, weil ich das Kompliment als ehrlich und wahr gedeutet habe.

Nehme ich allerdings in der Stimme einen unterschwelligen Ton wahr, könnte ich glauben, das Kompliment ist nicht ernst gemeint und soll mir sagen, dass mir das Kleid nicht steht. Durch diese Interpretation fühle ich mich verletzt.

Die Situation hat sich nicht verändert, sondern nur meine Wahrnehmung und Interpretation.

Durch falsche Wahrnehmung und Interpretation entstehen die häufigsten Missverständnisse. Freundschaften werden zerstört, weil jemand etwas in den falschen Hals bekommen hat, sich zu stolz ist, das Gespräch zu suchen und nun falschen Groll gegenüber dem anderen Menschen hegt.

Fazit

Gefühle entstehen aufgrund deiner Gedanken, wie du eine äußere oder innere Situation wahrnimmst und interpretierst. Das Gefühl zeigt uns sehr präzise und ehrlich, was in uns vorgeht.

Wir können Gefühle fühlen, ohne deren Reaktion ausgeliefert zu sein. Wir können unseren bisherigen Automatismus stoppen, indem wir vor dem Impuls eingreifen, das Gefühl fühlen und es so gehen lassen.

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